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Russische Investoren mögen Deutschland
Unterschiedliche Reaktionen auf Einstieg von Geldgebern aus Russland – Oligarchen sind aktiv am Aktienmarkt
Von Dietegen Müller
Frankfurt
Russische Investoren sind in Deutschland gern gesehen und werden respektiert, gelten aber auch als fordernd und als möglicherweise mafiös verstrickt. Eine generell befürwortende oder ablehnende Haltung ist nicht auszumachen. Auf politischer Ebene geben die steigende Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen sowie die Befürchtung unerwünschter staatlicher Einflussnahme Diskussionsstoff. Kanzleramtschef Thomas de Maizière warnte etwa vor der Möglichkeit, dass rohstoffreiche Länder ihre Öl- und Gasreserven als Druckmittel für politische Interessen einsetzen. Damit zielte er auch auf Russland und den regierungsnahen Versorger Gazprom, der in Deutschland an den Gasgesellschaften Wingas und VNG beteiligt ist. Gazprom bekundet schon länger Interesse am Einstieg in einen deutschen Versorger.
Auch die russische Telecom-Gruppe Sistema, von Ex-Telekom-Chef Ron Sommer beraten, hat vor gut einem Jahr versucht, sich in die noch teilweise in Staatshand befindliche Deutsche Telekom einzukaufen, stiess aber in Berlin auf Ablehnung. Auch die Beteiligung der russischen Staatsbank VTB am Airbus-Hersteller Eads rief in Deutschland Kritiker auf den Plan – die Bank hat nun angekündigt, ihre Beteiligung noch dieses Jahr zurückzufahren.
Am deutsch-russischen Petersburger Dialog in Wiesbaden war am Montag davon nicht die Rede: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin sprachen sich für eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen ihrer Länder aus. Merkel bezeichnete russische Investitionen als «stets willkommen». Die ökonomischen Verknüpfungen sind bedeutend: Über 1000 Unternehmen in Deutschland sind in russischer Hand, schätzt die russische Industrie- und Handelskammer. Rund 1,6 Mrd. Euro russische Direktinvestitionen dürften 2007 nach Deutschland fliessen, umgekehrt investieren Deutsche – auch dank der Übernahme des russischen Stromproduzenten OGK 4 durch Eon für 4,1 Mrd. Euro – dieses Jahr wohl über 6 Mrd. Euro. Der Handel floriert: 2006 exportierte Deutschland für 23,4 Mrd. Euro Waren in die Russische Föderation und importierte für 30,2 Mrd. Euro Waren von dort.
Von absolutistisch bis kooperativ
Deutschland ist unter russischen Investoren als stabiler Investitionsstandort mit qualitativ verlässlichen, technologisch führenden Unternehmen hoch angesehen. Kleinere und mittelgrosse Betriebe aus der Industrie sind bevorzugte Investitionsobjekte. Deutsche Gesellschaften berichten dabei von absolutistischem Auftreten russischer Investoren, aber auch von kooperativem, zurückhaltendem Verhalten.
Die Zahl russischer Investments in kotierten Gesellschaften hält sich (noch) in Grenzen (vgl. Tabelle). Seit Mai hält etwa Oleg Deripaska, Eigentümer der Holding Basic Element, 10% am Baukonzern Hochtief. Er liefert sich nun einen juristischen Schlagabtausch mit der Custodia Holding des deutschen Milliardärs August von Finck (Von Roll), die ihr 25,1%-Paket an Hochtief statt an Deripaska an die spanische Gesellschaft ACS verkauft hat. Der Oligarch mit zwielichtiger Vergangenheit (vgl. FuW Nr. 33 vom 28. April) gilt als grosser Nutzniesser der Winterolympiade 2014 in Sotschi. Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter sagte, Hochtief sei mit Basic Element in intensiven Gesprächen über eine Zusammenarbeit bei Bauleistungen, in der Projektentwicklung und beim Aufbau der Infrastruktur in Sotschi.
Einflussnahme
Der in Genf aufgewachsene Russe Rustam Aksenenko (Jahrgang 1974) ist seit 2003 mit 25% am Modekonzern Escada beteiligt. Im Frühjahr kam es zum Eklat zwischen ihm und Escada-Chef Frank Rheinboldt. Aksenenko warf dem Manager vor, den Unternehmensumbau zu verschleppen. Per 1. Juni berief der Aufsichtsrat den Aksenenko-Vertrauten Jean-Marc Loubier zum Nachfolger Rheinboldts. Das Management beschloss ein Restrukturierungsprogramm, das 35 Mio. Euro kosten wird und Escada im Geschäftsjahr 2006/07 (Per Ende Oktober) rote Zahlen bringt. Aksenenko, mit einem geschätzten dreistelligen Millionenvermögen eher ein Leichtgewicht, bekundet zudem auch Interesse an einer grösseren Beteiligung an Volkswagen.
An K+S ist seit Mitte September der Milliardär Andrej Melnichenko (Jahrgang 1972) beteiligt. Es handelt sich angeblich um eine Finanzbeteiligung, was in Deutschland aber bezweifelt wird. Melnichenko hält nicht nur Anteile an Energiegesellschaften sowie Motorenfabriken, sondern ist auch Inhaber von Eurochem, Russlands grösstem Düngemittelhersteller. K+S erklärte, man habe stets Investoren begrüsst, die von der Unternehmensstrategie überzeugt sind und den Wachstumskurs unterstützen.
Russische Interessen werden an der Börse in Frankfurt weiter die Gerüchteküche beleben: Viktor Vekselbergs Renova (Sulzer, Oerlikon) soll Interesse an deutschen Solar- und Windenergieanbietern haben; Vekselberg stehe angeblich auch hinter dem Einstieg der österreichischen A-Tec in Norddeutsche Affinerie (vgl. FuW Nr. 63 vom 15. August). Russische Investoren haben, ist zu hören, schon mit etlichen führenden kotierten Unternehmen gesprochen. Die Bedenken in der deutschen Politik, dass sie deutsche strategische Interessen verletzen könnten, mögen aber ein Grund sein, dass es erstaunlicherweise noch zu keinen weiteren grossen Beteiligungen gekommen ist.
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